Texte über Zoran Music

Hier zeigen wir Ihnen Texte über Zoran Music, die zu unterschiedlichen Anlässen entstanden sind:

Zoran Music Ausstellungseröffnung im Leopold Museum
Viele Gäste folgten der Einladung zur Eröffnung der Zoran Music Ausstellung im Leopold Museum (Foto https://www.apa-fotoservice.at/galerie/11655)

Wie jede Ausstellung, so ist auch diese in erster Linie Ergebnis der genießerischen Willkür der Berufsästheten, also nicht viel mehr als eine Annäherung an das Lebenswerk des Künstlers; ein bloßer Versuch, bis an den Kern der Sache zu gelangen. Gut so, denn ein gewisses Mysterium muss bleiben. Manche von den hier Anwesenden haben schon vor Jahrzehnten begonnen, stille Selbstgespräche vor den Bildern Zoran Mušičs zu führen; schön, dass Sie da sind! Ich halte es dennoch oder eben deswegen für meine Aufgabe, Ihnen die Stationen unseres kuratorischen Streifzuges durch diese Lebenslandschaften zu präsentieren.     

Erste Station  

Der junge Zoran Mušič, der noch vieles nicht weiß, eines aber mit größter Sicherheit: Er kann nur Maler werden, und nichts anderes. Er ist ein Kind seiner Zeit und Student an der Akademie der bildenden Künste in Zagreb, in der Meisterklasse des Malers und Kunsttheoretikers Ljubo Babić, der seinerseits ein Schüler von Franz von Stuck war. Man kennt an der Zagreber Akademie die aktuellen Ismen und die gesellschaftspolitische Grafik aus der Weimarer Republik. Der Professor legt aber seinem Begabten Schüler einen Spanien-Aufenthalt nahe, worauf der 26jährige Mušič im Prado den Kontinent Goya und seine Abgründe kennenlernt. Nach wie vor hat das keine großen Auswirkungen; bis 1944 ist Zoran Mušič lediglich einer von den vielen guten Spätimpressionisten. Im Frühjahr 1944 kommt er nach Venedig, wo er das Gold der Lagunenstadt und seine künftige Frau kennenlernt. Es werden erste internationale Netzwerke gesponnen.

Nächste Station

Eine Zäsur, die man in ein einziges Wort fassen kann: Dachau. Zoran Mušič ist dort jemand, der unter seiner 6-stelligen Häftlingsnummer zeichnet, also lebt.

Nächste Station

Die Rückkehr nach Venedig im Herbst 1945 und – wie der Maler selbst meinte – das Wiederaufwachen in Byzanz. Eben nicht das Geborenwerden, sondern nur ein Wiederaufwachen: Die Markuskirche ist wieder greifbar nah, außerdem ist Zoran Mušič schon 1929 in Wien den Bildwelten eines anderen Malers begegnet, der seinerzeit vom Sonnenschein der ravennatischen Mosaiken geblendet war, nämlich Gustav Klimt. Zoran Mušič malt ikonenhafte Porträts seiner Frau, die das Werk des Malerfreundes Massimo Campigli befruchten. In der unmittelbaren Nachkriegszeit entdeckt der Maler auch das Thema „Pferd“ für sich neu – weniger jenes sehnige, schwitzende, im Hier und Jetzt gefangene Tier, als jenes Urtümliche, jenes aus der Höhlenmalerei und den Bilderfriesen der verschütteten Zivilisationen Kreta und Mykene. Einleuchtend, denn auch die Malerei des Zoran Mušič befindet sich gewissermaßen in der Stunde Null, auch sie muss nach dem erlebten Inferno des Konzentrationslagers ganz von vorn anfangen, scheinbar ohne nachvollziehbare Voraussetzungen. „Ein Maler kann nicht auf fremden Erfahrungen bauen, oder auf etwas, was jemand anderer entdeckt hat“ so Mušič in einem Gespräch. Und weiter: „Das einzig Wichtige ist die Wirklichkeit, die du in dir trägst, sofern du eine hast. Du kannst keine fremden Wirklichkeiten nutzen“. Zitat Ende.

Nächste Station

Im Jahr 1948, während einer Zugfahrt, die Entdeckung der umbrischen und toskanischen Landschaften, also der Hügelwelten, die keine Vergangenheit haben, denn sie sind die Vergangenheit selbst – nackt, vernarbt, vertrocknet; bedeutungsschwanger und gleichzeitig nichtssagend. In Paris, wo er ab 1952 lebt, übersetzt Mušič die Hügel, und die Pferde, und die Bäuerinnen aus der arkadischen Landschaft Dalmatiens in ein abstrahierendes Gewebe – nicht als braver Soldat der Nouvelle École de Paris (der er ohne weiteres zugezählt wird!), sondern als schüchterner Mystiker, der die Welt der sichtbaren Dinge erklärt, verklärt und darin gleich auch kleine zeltartige Oasen für sich sucht – sichere Orte, die für den Überlebenden eines Konzentrationslagers nach wie vor Mangelware sind.

Nächste Station

Der Anpassungsdruck seitens des Pariser Umfeldes ist derart stark, dass Mušič Ende der 50er Jahre einen Schritt in Richtung ungegenständlicher Malerei wagt. Da er aber geistig immer noch fest auf dem dalmatinischen Boden steht, ist sein Gastauftritt im exhibitionistischen Theater der Tachisten und Informelisten mit keinem großen Risiko verbunden. Der semiabstrakte Maler Mušič findet, ohne gesucht zu haben, hält aber den Fund für nicht besonders spektakulär (wir schonJ). Die Rückkehr zur figurativen Malerei führt über die rar gestreuten Blumen in Cortina d’Ampezzo und den neuen Pferden zu den brüderlichen Leichen aus dem Zyklus Wir sind nicht die Letzten.   

Nächste Station

Frühe Siebzigerjahre. Zoran Mušič hat die Schaffenskrise schon seit einiger Zeit überwunden und malt in der Nähe der Côte d’Azur feuerbeständige Korkeichen. Er bewundert ihre Ausdauer und die raumgreifende Gestik ihrer Äste und Wurzeln. Erschreckend und hilflos zugleich, gemahnen sie irgendwo an die suchenden Finger seiner Leidensgenossen aus Dachau. Lange, suchende Finger sieht man auch in den Doppelporträts, die um 1990 den Maler mit seiner Frau Ida zeigen, dort also, wo das „Drama Kontaktlosigkeit“ stattfindet, wie Werner Spies treffend bemerkte. Die feurige Frisur der Frau gleicht einer wolkenartigen Baumkrone, wie man sie in so manchen dämmrigen Landschaftsstücken von Klimt findet. In den 80ern und 90ern malt er dann noch einmal auch Venedig und Paris; diese Orte seiner künstlerischen Entfaltung werden in den Bildern gewissermaßen zu dem, was für Gustav Meyrink Prag und für Charles Rodenbach Brügge waren – Heimstätten im Unheimlichen.            

Und die letzte Station,

die endgültig beweist, dass Zoran Mušič ein mutiger Künstler war. Ausgerechnet Venedig, einer unter Touristenströmen versinkenden und über alle Maße klischeebehafteten Stadt, hielt er jahrzehntelang die Treue. Ausgerechnet auf einem scheinbar verlorenen Posten, nämlich im Medium Malerei, verteidigte er seine persönliche Integrität.

Ohne in die Niederungen der politischen Arena herabzusinken, war er Humanist par excellence und Verfechter der Menschlichkeit, die auch und vor allem eine Menschlichkeit sich selbst gegenüber war – eben im Sinne jener Wahrheit, die dem Menschen zumutbar ist. Zum Beispiel die Vergänglichkeit. Zum Beispiel die Tatsache, dass jede Überzeugung und jede Gemütslage des Einzelnen bloße Momentaufnahmen sind, Ausgeburten menschlicher Unfähigkeit, auch nur mit dem Begriff Ewigkeit umzugehen, geschweige denn mit der Ewigkeit selbst. In seinen späten, abgründigen Selbstakten schlägt Zoran Mušič eine andere Richtung ein. Sie sind Sequenzen eines Reinigungssrituals vor dem endgültigen Abschiednehmen. „Der Tod ist der einzige Zustand der Vollkommenheit, der für einen Sterblichen erreichbar ist“, schrieb Emil Cioran. Darauf war nicht der Künstler, sondern der Mensch Zoran Mušič gut und angstfrei vorbereitet. Ein Mensch, der sich wohl bis zum letzten Atemzug nach etwas sehnte, was nie sein wird, nämlich nach der Stille, die wir spätestens ab heute Abend als immaterielles Kulturerbe betrachten sollten.

Es gibt Begegnungen, die dem eigenen Leben eine neue, bislang unbekannte Richtung weisen. So war es im Jahre 1986, als ich im Museo Correr in Venedig mit den Bildern von Zoran Music konfrontiert wurde: zum ersten Mal erblickte ich die schrecklichen Visionen der Serie „Non siamo gli ultimi“, die gemalten Leichenberge, in welcher der Künstler in einer nie zu Ende gebrachten Trauerarbeit der Toten KZ-Kameraden im Konzentrationslager Dachau gedachte.

Als junger Mann war er dorthin deportiert worden, verhaftet in Venedig, und nach einer Internierung im Triestiner KZ Risiera di San Saba, jäh herausgerissen aus einer vielversprechenden künstlerischen Karriere.

Eine Ironie des Schicksals wollte es, dass Music seinen Verfolgern direkt vor dem Portal des Palazzo Balbi-Valier in die Hände fiel, wo er viel später mit seiner kongenialen Frau Ida Barbarigo wohnen würde.

Hinter diesem schicksalhaften Portal sollte das Paar beider Freund, den französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand beherbergen und ihn bis hart an die Schwelle seines Todes begleiten. Was Zoran Music hatte schauen müssen, die steif gefrorenen Toten unter einem Leichentuch aus Schnee, die Gehenkten am Galgen, wird ihm Albträume verursachen; auch die späteren fulminanten Erfolge in Paris, in Deutschland und in Italien, gipfelnd in der großen Retrospektive im Grand Palais werden daran nichts ändern. Music malt ein Requiem auf die menschliche Zivilisation, ob im heiteren Paris, ob im Karst oder auf seiner Altane in Venedig. 

Zoran Music war sozusagen aus dem Paradies seiner Kindheit und Jugend vertrieben worden und kein Rückweg stand ihm offen, es sei denn in der zeitweiligen Einkehr unter den goldenen Mosaiken von San Marco, deren diffuses jenseitiges Leuchten er in späten Bildern einzufangen versucht. Music ist im Collio aufgewachsen jener idyllischen Landschaft nördlich von Gorizia/ Görz/ Nova Gorica. Schon einmal hatte er, im Verlauf des Ersten Weltkriegs mit seinen Eltern die Idylle verlassen müssen, als eine absurde Frontlinie durch die Weinberge verlief.

Prägende Monate verbringt er in Griffen, in Südkärnten; im hohen Alter war es ihm gegönnt, sein früheres Kinderzimmer zu betreten, kurz ehe das zeitweilige Domizil abgerissen wurde.

In diesem Leben aus der Flucht aus den Höllen des 20. Jahrhunderts, in der Haft in Dachau, danach aber in der Betrachtung der wiederentdeckten Schönheit der schon gänzlich verloren geglaubten Alten Welt, ist er zum Maler jenes mythischen Kontinents geworden, den wir Mitteleuropa nennen. Dieses Mitteleuropa ist die Synthese aus den Traditionen und Kulturen Europas.

Bereits in den 30-er Jahren hatte er Spanien entdeckt, wo er die Werke von Velazquez und Goya studierte. Beide Künstler haben einen unverkennbaren Einfluss auf seine eigene Malerei, sie lehrten ihn, die Welt aus einer überzeitlichen Perspektive zu sehen: Velazquez als der Maler der Hispanidad, des spanischen Ethos, der über die Höfe von Madrid und Wien in die Kulturgeschichte Mitteleuropas hereinwirkte, Goya als Maler und Chronist der Desaster der napoleonischen Kriege.

Nichts konnte mehr sein wie früher, als Zoran Music 1945 aus dem Konzentrationslager befreit wurde. Dennoch suchte er nach seinen Wurzeln, vielleicht nach Heilung eines letztlich nicht heilbaren Traumas. Denn „non siamo gli ultimi“ – „Wir sind nicht die letzten“: die stumme Klage der Toten wird ihn begleiten, wenn er auch Abstand zu gewinnen sucht.

In Venedig heiratet er Ida Cadorin, geistige Erbin einer legendären Malerdynastie, die sich selbst „Barbarigo“ nennen wird, Paris wird neben Venedig zu seiner zweiten Heimat, die Landschaft des Karstes und Dalmatiens erinnert ihn an die mediterranen Eindrücke seiner Kindheit. Wer heute abseits von der Autobahn entschleunigt durch den Karst über Triest fährt, der vermag ihnen noch zu begegnen, den auf dem trockenen Boden herumgaloppierenden halbwilden Pferdchen, den „Cavallini“. Wie über ein Mosaik aus weißen Steinsplittern laufen sie durch die Gegend, mit einer Art nachdenklichem Humor betrachtet sie Zoran Music und malt sie in ihrer fröhlichen Geschichtslosigkeit.

Nur allzu oft freilich verwandelt sich das Bild vor seinen Augen. Dann gemahnt ihn das weiße Geröll wieder an die weißen Schädel der Toten von Dachau und die Pferdchen erinnern ihn an ein unerreichbares Gefühl der Freiheit, einer Freiheit, die er ständig bedroht weiß. Denn was einmal geschehen ist, das wird sich wieder und wieder wiederholen müssen.

Es gibt für Music keinen Optimismus in der Geschichte, unwiderleglich bleibt die Erfahrung.

Seit 1988 hatte ich engeren Kontakt mit Zoran Music. Ich erinnere mich an die vielen Stunden, die wir in seinem Pariser Atelier und seinem prachtvollen Haus in Venedig verbrachten, an die Erzählungen aus seiner Biographie, die die mitteleuropäischen Tragödien des 20. Jahrhunderts geradezu exemplarisch zusammenfasst. In seiner Domäne gab er sich stets als Souverän, selbstkritisch verwarf er zuweilen eindrucksvolle Blätter und Skizzen, man musste ihn überreden, nichts zu vernichten.

In seinem bodenlangen weißen Morgenmantel inmitten seiner Arbeiten stehend, erfreute es ihn dennoch, wenn man sich für seine Arbeit interessierte. Er wusste, dass er keiner der künstlerischen Strömungen seiner Epoche angehören wollte und kümmerte sich nicht im Geringsten darum, ob seine Arbeiten einem Trend entsprächen, ob sie sich jemals würden vermarkten lassen. Sein Ruhm erwies sich als zeitentrückt.

Was auch auf die Bilder von Ida Barbarigo zutrifft, deren Porträtserie des Präsidenten Mitterrand ein Wesen enthüllen, das eher aus der Esoterik zu begreifen ist, denn aus der Tagespolitik seiner Amtszeit.

In diesem Bereiche verlieren Begriffe wie „Moderne“ oder „Avantgarde“ völlig an Bedeutung. Beide betrachten sie die Welt „sub specie aeternitatis“, von der Ewigkeit her.

Wenn Zoran Music die Barken an den venezianischen Zattere zeichnet und malt, wenn sein Blick an einem Fenster in der roten Fassade eines venezianischen Hauses hängen bleibt, wenn er die Rose im Seitenschiff von San Marco malt, so beschwört er ein Venedig jenseits von Raum und Zeit.  

Es geht eine Faszination vom diesem Werk aus, um die man sich anstrengen muss. Wer sich nicht auf die Persönlichkeit des Meisters einlässt, der wird keinen Zugang in seine Welt finden. In einem Gespräch mit Jean-Marie Drot, lüftet er einmal den Schleier der Diskretion und bekennt, bezüglich seiner unter Lebensgefahr entstandenen Zeichnungen aus Dachau: „Ich zeichnete wie in Trance. Ich war wie geblendet von der verzaubernden Großartigkeit dieser Leichenfelder. Von weitem erschienen sie mir wie weiße Schneefelder, wie silbrige Reflexe auf Bergen, oder wiederum wie der Flug vom Möwen, die sich auf der Lagune niederlassen, vor dem schwarzen Hintergrund eines Gewitters über dem Meer …“ Und weiter: „Keineswegs als Reaktion gegen den Schrecken habe ich das Glück der Kindheit wiederentdeckt: kleine Pferde, Landschaften und Frauen Dalmatiens. Sie waren schon vorher vorhanden. Bloß war es mir nachher gegeben, sie anders zu sehen. Nach der Vision dieser aller äußerlichen Attribute, allem Überflüssigen entkleideten Leichen, die von jeglicher Heuchelei und von den Rangunterschieden befreit waren, mit denen sich die Menschen und die Gesellschaft schmücken, glaube ich die furchtbare und tragische Wahrheit entdeckt zu haben, die zu erfahren mir gegeben war…“

So wandelten Zoran Music und Francois Mitterrand die Zattere entlang, zwei Menschen, die eine Ahnung vor dem großen Geheimnis jenseits der Geschichte verband. Dass ich Music eine Strecke seines Lebens begleiten durfte, ist ein Privileg meines Lebens.

Siegbert Metelko (Text für das Kunstmagazin Parnass)

Kontakt aufnehmen